Slaughter, Weber, Russell. Zwischen Familie und Beruf.

In ihrem neuen Buch »Unfinished Business: Women Men Work Family« beschreibt Anne-Marie Slaughter das Kernproblem der sogenannten »Vereinbarung von Familie und Beruf:

„Die Wahrheit ist, dass wir Menschen mehr wertschätzen, die in sich selbst investieren, als diejenigen, die in andere investieren, das gilt für beide Geschlechter.“

Sie hat Recht, berührt allerdings den Kern des marktwirtschaftlich-protestantischen Credos: Sozialer Aufstieg und gesellschaftliche Anerkennung sind nur durch (Erwerbs-) Arbeit möglich. Schon Max Weber schreibt in seiner Abhandlung über protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus über die Berufspflicht:

»[Sie ist] eine Verpflichtung, die der Einzelne empfinden soll und empfindet gegenüber dem Inhalt seiner beruflichen Tätigkeit, gleichviel worin sie besteht, gleichviel insbesondere, ob sie dem unbefangenen Empfinden als reine Verwertung seiner Arbeitskraft oder gar nur seines Sachgüterbesitzes (‚als Kapital‘) erscheinen muß.«

Arbeit ist nach Weber eine Pflicht als Selbstzweck. Sie wird als Askese zur Ehre Gottes verstanden. Das »Private« steckt nach dieser Betrachtung voller Versuchung und der Möglichkeit der Sünde.

Zeit mit seinen Kindern zu verbringen und mit ihnen zu spielen oder auch das einfühlende Gespräch mit seinen Großeltern haben zumindest eine Tendenz zum Müßiggang, zum Ausruhen, zur Faulheit.

Und es bedarf dem freien Geist eines bekennenden Sozialisten und Atheisten wie Betrand Russell diese unheilige Allianz aus religiös-askentischen Vorstellungen und Produktivitätssteigerung aufzubrechen. Er schreibt im »Lob des Müßiggangs«:

»Da ich ein sehr braves Kind war, glaubte ich alles, was man mir sagte; und so entwickelte sich mein Pflichtgefühl derart, daß ich zeit meines Lebens und bis zum heutigen Tage nicht umhin konnte, immer schwer zu arbeiten. Aber wenn mir auch mein Handeln vom Gewissen vorgeschrieben war, so hat sich doch in meinen Ansichten eine Revolution vollzogen. Ich glaube nämlich, daß in der Welt viel zuviel gearbeitet wird, daß die Überzeugung, Arbeiten sei an sich schon vortrefflich und eine Tugend, ungeheuren Schaden anrichtet, und daß es nottäte, den modernen Industrieländern etwas ganz anderes zu predigen, als man ihnen bisher immer gepredigt hat.«

Die Frage, die Slaughter aufwirft ist also alt und gleichzeitig aktueller denn je. Seit Jahren wird in interessierten Zirkeln darüber gesprochen, wie wir unsere Wirtschaft, und mit ihr die Gesellschaft als ganze, von der Abhängigkeit von Erwerbsarbeit lösen können.

An diesen Zirkeln nehmen die Menschen aus unterschiedlichen Gründen teil. Manche sind überzeugte Gegner der Marktwirtschaft. Andere sehen keine Möglichkeit, dass alle Menschen in Zukunft die Möglichkeit dazu haben einer Erwerbsarbeit nachzugehen, weil die technische Entwicklung viele Tätigkeiten, die heute noch von Menschen vollzogen werden, automatisiert. Wieder andere halten die Bedingungen, unter denen wir zurzeit die Arbeit organisieren für unmenschlich.

Es ist an der Zeit, dass diese Diskussion in der breiten Öffentlichkeit besprochen wird. Slaughters Buch ist ein wichtiger Beitrag dazu.

Veröffentlicht von

Kassierer, Öffentlichkeitsarbeit